Nolde WarftWeihnachten fällt aus.

Anfangs war es nur die Schlagzeile einer Zeitung. Die Nachricht nistete sich in den Köpfen der Menschen ein. Weihnachten fällt aus, sagten die Geschäftsleute, denn was soll Weihnachten ohne Geschenke? Es stünde ja fest, dass Bücher und Elektroartikel, besonders beliebt unter dem Tannenbaum, in diesem Jahr nicht genügend produziert werden könnten. Ja, das ist gut, sagten die Virologinnen und Virologen, angesichts der wieder ansteigenden Zahl von Corona-Neuinfektionen: Besuche an Weihnachten wären auch aus gesundheitlichen Gründen nicht zu vertreten. Weihnachten muss ausfallen, betonten die Klimaschützerinnen und Klimaschützer. So viele Kilometer fahren Menschen heim zu ihren Familien, das gefährde das Ziel einer CO2-Reduktion. Weihnachten fällt aus, kam auch aus dem Kultusministerium. Dann würden keine Weihnachtsferien benötigt, und die Schülerinnen und Schüler könnten endlich den in den Lockdowns verpassten Unterrichtsstoff nachholen! Und selbst Pastorinnen und Pastoren schienen erfreut: kein Weihnachten, das hieße weniger Stress in der Vorweihnachtszeit. Weihnachten fällt aus, so erließ die Politik schließlich einstimmig ein Gesetz. Und damit war gut, und alle schienen zufrieden.

Nur auf einer Warft war die Nachricht irgendwie nicht angekommen. Lag es am schlechten Radio- und Internetempfang? Auf jeden Fall bereitete die Familie dort alles für das Christfest vor. Am 1. Advent brannte die erste Kerze auf dem Adventskranz, und jeden Sonntag folgte eine Kerze mehr. Manche der Nachbarn rieben sich verwundert die Augen über solche Ignoranz eines wichtigen Erlasses, aber jeder war zu sehr mit sich beschäftigt, als dass man sich um die Warft kümmerte. Na, die werden schon merken, dass es eh nichts zu kaufen gibt und Weihnachten in diesem Jahr keinen Sinn macht, beruhigten sich die Nachbarn. Aber als am Heiligen Abend das ganze Dorf alltäglichen Beschäftigungen nachging und nicht einmal die Glocken der Kirche läuteten, gingen in der Wohnstube der Warft die Lichter am Weihnachtsbaum an. Und die Kerzen leuchteten aus dem Fenster heraus nach draußen besonders schön. Menschen in der Nachbarschaft reckten ihre Köpfe. Sie erinnerten sich auf einmal: Heute ist Heilig Abend. Voll Sehnsucht schauten sie zu der Warft, die Weihnachten feierte, als wäre nichts geschehen. Und ein Nachbar nach dem anderen machte sich auf den Weg, griff nach Stalllaterne oder Taschenlampe und stapfte durch die Dunkelheit dieser Warft entgegen. Da standen sie draußen vor dem Fenster und drückten ihre Nasen an die Scheiben. Die Familie deckte den Tisch. Leiser Gesang drang nach draußen: „Stille Nacht.“ Da packte es die Menschen draußen an den Fenstern, sie klopften an die Läden, sie baten um Einlass, sie spürten die Sehnsucht nach Weihnachten und der Geburt des Jesuskindes. Die Familie, sehr erstaunt über die vielen da draußen, ließ alle ein. Dort standen sie um den Tannenbaum versammelt und sangen „Stille Nacht“ voll Inbrunst mit, und „O du fröhliche“ gleich noch hinterher. Die Familie organisierte Teller und Schüsseln, die Suppe wurde aufgeteilt auf die vielen, genau wie die Plätzchen, und, o Wunder der heiligen Nacht: es reichte für alle. Dann wurde geschnackt und erzählt, und die Kinder spielten miteinander, und es war so gemütlich, wie lange kein Weihnachtsabend mehr gewesen war.

Ob die Coronaregeln angesichts der Enge im Hause eingehalten wurden. Das vermag ich nicht zu sagen. Aber Weihnachten fiel nicht aus, das weiß ich sicher! Und so lasst auch uns Weihnachten feiern. Auch in diesem Jahr. Jesus kommt in unser Leben. Dort, wo es dunkel ist, will er ein Licht anzünden. Dort, wo Trauer ist, ist er der Trost. Wo Schuld drückt, spricht er Vergebung zu. Und er hilft uns Herzen und Hände aufzutun zum Geben. Gott wird Mensch, um bei uns zu sein. Darauf kommt es an Weihnachten an. Und dass wir uns Zeit füreinander nehmen. Uns von Gottes Liebe beschenken lassen. Und uns erinnern: Jedes Menschenkind ist auch ein Gotteskind, Bruder, Schwester von Jesus. Es braucht nicht viel um Weihnachten zu feiern. Menschen wie die Hirten, die sich gerufen wissen. Herzen wie die Krippe in Bethlehem, die Jesus aufnahm. Frieden und Liebe, wie wir sie in Gottes Gegenwart spüren. Wir brauchen Weihnachten – in dieser dunklen Zeit ganz besonders. Gottes Licht leuchtet. Und Gott leuchtet besonders schön und hell: in dir und durch dich! In dem Sinne: Lass es hell werden. Gib Weihnachten eine Chance!

Ein frohes, gesegnetes Fest wünscht Pastor Gerald Rohrmann mit Familie

„Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der Herr.“ (Sacharja 2,14)